Ausstellung vom 07. bis 23. März 2004 - Rückblick

Die Marienschule in Offenbach sucht den Dialog der Religionen.
Chanukkaleuchter, Gebetsriemen, Gewürzbehälter, ein gedeckter Schabbattisch
- alltägliche Gegenstände aus dem rituellen jüdischen Leben
zeigt die Marienschule in Offenbach in einer Ausstellung zu den Festen des
Judentums vom 7. bis 23. März 2004.
Mit dieser Ausstellung beginnt eine Reihe "Dialog der Religionen".
Dieses Gesprächsforum soll Schülerinnen zur Auseinandersetzung und
zum Dialog mit anderen Kulturen und Religionen befähigen.
Alle Interessierten sind von Montag bis Freitag, in der Zeit von 8.00 bis
14.00 Uhr an der Marienschule eingeladen, sich mit dem jüdischen Brauchtum
auseinander zu setzen.
Unter der Schirmherrschaft von Oberbürgermeister Gerhard Grandke, gemeinsam
mit dem Forum Kultur der Stadt Offenbach sowie der Gesellschaft für christlich-jüdische
Zusammenarbeit in Offenbach konnte die Schule diese Ausstellung organisieren.
Die Idee zu dieser Veranstaltung war aus einer Unterrichtseinheit zum Thema
Judentum erwachsen. Frau Dr. Marianne Zingel aus Göttingen, die Großtante
einer unserer Schülerinnen, hat sich dankenswerterweise bereit erklärt,
Leihgaben aus ihrer Sammlung zur Verfügung zu stellen.
Die Ausstellung wird am Sonntag, dem 7. März 2004, um 16.00 Uhr eröffnet,
an dem Tag, an dem die Juden in aller Welt das Purimfest feiern. Ergänzend
zur Ausstellung wird Professor Dr. Alfred Mertens aus Mainz zwei Vorträge
halten: 10 März 2004: "Der Schabbat im Judentum", 13. März
2004: "Christentum ohne Judentum?"
(Text, Fotos: Offenbach-Post vom 10.März 2004)
Am Anfang stand der Fettnapf
Offenbach: Ausstellung soll zur Beschäftigung mit dem Judentum anregen
von Annette Becker, erschienen in der Jüdischen Allgemeine am 11.März
2004
Am Anfang war der Fettnapf. "Haben Juden eigentlich auch Psalmen?"
hatte ein argloser christlicher Gast bei einer Begegnungsveranstaltung der
Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit in Göttingen
einst gefragt.
Marianne Zingel versank vor Scham fast in den Boden. Mitte der neunziger Jahre
war das. Ein Rabbiner tröstete die engagierte Christin: "Machen
Sie sich nichts daraus, solche Fragen könnten unsere Leute Ihnen ja auch
stellen." Das reichte der promovierten Germanistin und Musikwissenschaftlerin
aber nicht. Sie konzipierte die Ausstellung "Jüdischer Glaube -
Jüdisches Leben", die nun zum zwanzigsten Mal gezeigt wird.
Ausstellungsort ist die Marienschule in Offenbach, eine staatlich anerkannte
christliche Gesamtschule mit Schwerpunkt Musik, gymnasialer Oberstufe und
Berufsfachschule in Trägerschaft des Bistums Mainz. Rund elfhundert Mädchen
und junge Frauen bereiten sich dort auf Studium und Berufsleben vor. Eine
von ihnen ist Carina Johannsen. Als Pfarrer Alexander Nawar mit den Schülerinnen
der zehnten Klasse im Religionsunterricht das Thema Weltreligionen durchnahm,
fiel der Sechzehnjährigen ihre Göttinger Großtante und deren
Ausstellung ein, die unter anderem 1998 in Mainz auf dem Katholikentag zu
sehen war. Der Pfarrer informierte die Schulleiterin Marie Luise Trocholepczy.
Gemeinsam mit dem Forum Kultur der Stadt Offenbach und der Gesellschaft für
Christlich-Jüdische Zusammenarbeit in Offenbach holte man die Ausstellung
an die Marienschule. Oberbürgermeister Gerhard Grandke übernahm
die Schirmherrschaft. Das Offenbacher Stadtarchiv stellte Vitrinen zur Verfügung
und ergänzte die Ausstellung mit historischem Material zur Geschichte
der Offenbacher Juden.
Rund dreihundert Fotografien, Reproduktionen, Textauszüge und rituelle
Gegenstände aus fünf Jahrhunderten sollen interessierten nichtjüdischen
Menschen das jüdische Glaubensleben nahebringen, gemäß dem
Wunsch des verstorbenen Zentralratspräsidenten Ignatz Bubis, der immer
wieder ausdrücklich zum aufklärerischen Dialog eingeladen hatte.
"Ich habe die Nazizeit noch miterlebt", sagt Marianne Zingel. "Und
ich finde es schlimm, Zeitgenossin zu sein und so wenig zu wissen." Für
die Siebenundsiebzigjährige kann der Dialog gar nicht früh genug
beginnen. "Man muss bei den Kindern anfangen", betont sie. "Die
sind noch so offen." Am schönsten ist es für Marianne Zingel,
wenn christliche Kinder die Schilderungen des jüdischen Glaubenslebens
in ihr eigenes Leben zu übertragen versuchen. Einmal fragte sie ein kleiner
Junge: "Wir haben keinen Garten. Wo stelle ich denn dann meine Laubhütte
auf?" Da empfahl sie ihm den Balkon.
Mit der Ausstellung "Jüdischer Glaube - Jüdisches Leben"
eröffnet die Marienschule ihre Reihe "Dialog der Religionen".
Ergänzend zur Ausstellung hält der Mainzer Bibelwissenschaftler
Alfred Mertens einen Vortrag zu "Christentum ohne Judentum?" (18.
März 2004). Am 23. März 2004 singt der Kammerchor der Marienschule
(Leitung: Brigitte Rudin) im Gesprächskonzert "... abgeschnitten
von der Welt" mit Werken von Rolf Rudin nach Texten von Anne Frank.
Die Ausstellung "Jüdischer Glaube - Jüdisches Leben" ist
bis zum 23. März 2004 montags bis freitags von 8 bis 14 Uhr in der Eingangshalle
und zwei Klassenräumen zu sehen. Der Katalog zur Ausstellung kostet acht
Euro. Für Schulklassen und Gruppen bieten die Religionslehrkräfte
der Schule Führungen an. Anmeldung ist erwünscht.
Vom Haupt des Jahres bis zum Trauertag
Eine Ausstellung in der Offenbacher Marienschule beschäftigt sich mit
Glaube und Leben im Judentum
Von Angelika Ohliger, erschienen in der Frankfurter Rundschau vom 06.
März 2004
Das
Widderhorn, die Schofar, wird zu Neujahr geblasen. Marianne Zingel legt es
zu Honiggefäß und Apfel, ebenfalls wichtig fürs Fest.
Bild: Oliver Weiner
Eine Ausstellung zu Festen und zum Alltag im Judentum wird am Sonntag in der
Marienschule in Offenbach eröffnet.
"Jüdischer Glaube - Jüdisches Leben" wird dort bis zum
23. März zu sehen sein.
Die Idee kam im katholischen Religionsunterricht auf. Pfarrer Alexander Nawar
nahm in einer zehnten Klasse der Marienschule turnusgemäß das Thema
Weltreligionen und - mit größerer Ausführlichkeit - das Judentum
durch.
Dass daraus eine Ausstellung, die erste ihrer Art an der Marienschule, entstand,
ist einer Schülerin zu verdanken. Sie brachte ihre Großtante in
Göttingen ins Gespräch. Marianne Zingel befasst sich seit Jahrzehnten
mit dem Judentum, begann Mitte der 90er Jahre, Material zu sammeln, das sie
seit 1996 ausstellt. Die Offenbacher Marienschule ist die 20. Station.
"Eine christliche Schule hat den Erziehungsauftrag, Respekt vor dem Anderen
zu haben, und das Fremde als Fremdes stehen zu lassen, sagt Marie Luise Trocholepczy.
Sie ist Leiterin der Marienschule, eine Mädchenschule, die vom Bistum
Mainz getragen wird. Weitere Aktionen zum Thema "Dialog der Religionen"
sollen folgen. "In einer Welt, in der Religion eher entzweit als zu einen,
ist das besonders wichtig", sagt Pfarrer Nawar. Das Judentum nehme als
Wurzel des Christentums eine besondere Stellung ein. "Unsere Riten sind
nur zu begreifen, wenn wir das Judentum begreifen."
Ähnlich ist auch der Ansatz von Marianne Zingel. Die promovierte Germanistin
und Musikwissenschaftlerin will zeigen, was Juden zu Juden macht: ihre Religion,
ihre aus der Geschichte des Volkes erwachsenen Traditionen und Feste. Um Aufklärung
geht es der 77 Jahre alten Katholikin, un darum, Vorurteile aus der Welt zu
schaffen. Im Schulfoyer zeigt sie den Jahreslauf im Judentum mit den Festen,
beginnend mit Rosch ha-Schana (wörtlich übersetzt: Haupt des Jahres),
dem Neujahrsfest, bis zu Tischa be Aw, einem Tag tiefer Trauer und strengen
Fastens. Zingel informiert auf Schautafeln, passend dazu findet der Besucher
in Vitrinen Gegenstände aus dem rituellen Leben wie Chanukkaleuchter,
Gebetsriemen, Gewürzbehälter und einen gedeckten Schabatttisch.
Schabatt und Synagoge sind weitere Themen im Foyer. Im Raum nebenan dokumentiert
die Ausstellung die Geschichte der Juden. Zweites Thema dort sind die Lebensphasen.
Beschneidung, Bar und Bat Mizwa, Hochzeit und Scheidung gehören dazu.
Zwei Vitrinen im Foyer hat die Stadt bestückt. Stadtarchivar Hans-Georg
Ruppel stellte Exponate zusammen, die 300 Jahre Geschichte der Juden in Offenbach
widerspiegeln. Darauf hat Kulturamtsleiterin Lydia Gesenhus Wert gelegt: "Wir
wollen den Schülerinnen zeigen, dass es auch in Offenbach etwas gibt,
worüber das Nachdenken lohnt."
Dialog zwischen den Religionen
Ausstellung "Jüdischer Glaube - Jüdisches Leben" in der
Marienschule eröffnet
Stadtpost vom 10. März 2004
Die Marienschule in Offenbach, eine anerkannte Bildungsstätte für
heranwachsende Frauen, sucht den Dialog der Religionen.
Eine Ausstellung über das Judentum soll den Dialog der Religionen anregen,
begleitende Fachvorträge das Wissen und Verständnis über Brauchtum,
Zeremonien und Glaube vertiefen. Die Idee zu dieser Veranstaltung war aus
einer Unterrichtseinheit zum Thema Judentum erwachsen.
Dr. Marianne Zingel, eine Großtante einer Schülerin, besitzt eine
große Dokumentation und stellte sie zur Verfügung. Dr. Alfred Mertens
aus Mainz hält zwei Fachvorträge über "Der Schabbat im
Judentum" (10. März 2004) und "Christentum ohne Judentum?"
(13. März 2004).
An
dem Tag, an dem die Juden in aller Welt ihr "Purimfest" feiern,
wurde die Ausstellung von Oberbürgermeister Gerhard Grandke eröffnet.
"Diese Gesprächsform soll unsere Schülerinnen zur Auseinandersetzung
und zum Dialog mit anderen Kulturen und Religionen befähigen", meinte
Marie Luise Trocholepczy, die Direktorin der Marienschule zur Eröffnung.
Wie groß das Interesse an diesem Dialog ist, belegt das Engagement der
Schülerinnen, Lehrer, und der Eltern im Rahmen der Vorbereitung für
diese Ausstellung. "Das Judentum hat nicht nur narrative Erscheinungen
zu bieten, es sind vor allem die zeremoniellen Begleiterscheinungen, die uns
so geheimnisvoll erscheinen", betonte die Direktorin. Auch Oberbürgermeister
Gerhard Grandke plädierte in der "multikulturellen Großstadt
Offenbach" für einen bewussten Dialog nicht nur der Religionen,
sondern auch der Kulturen. "Es ist besonders schwierig dort Brücken
zwischen einer multikulturellen Gesellschaft zu bauen, wo es Probleme mit
dem Bildungsstand der Unterschicht gibt", verwies das Stadtoberhaupt
auf eine "Offenbach-relevante" Situation. So hofft er darauf, dass
von vielen Schulen das Angebot zum Besuch dieser Ausstellung angenommen und
das Verständnis gerade gegenüber dem Judentum gefördert wird.
"Ein friedliches Miteinander und die Toleranz des anderen ist die Grundvoraussetzung
unseres Seins", appellierte das Stadtoberhaupt an alle in Offenbach lebenden
Bürgerinnen und Bürger, gleich welcher Nation oder Glaubens. Als
besonderen Dank für den Anstoß eines hoffentlich fruchtbaren Dialoges
überreichte er der Direktorin der Marienschule eine dreibändige
Dokumentation des Judentums in Offenbach.
Der Vorstandsvorsitzende der Jüdischen Gemeinde Offenbach, Dr. Jacob
Kerem-Weinberger, sah die Ausstellung "mit viel Liebe gemacht",
wenngleich sie nur einen kleinen Teil der über dreieinhalbtausendjährigen
Geschichte des Judentums zeigen könne. "Die jüdische Religion
basiert auf den Gesetzen von Moses, später kamen andere Gelehrte hinzu
und es kam zu einer Vermischung und teilweisen Neuauslegung", beschrieb
Kerem-Weinberger die Entstehung der christlichen Religionen. Auch Jesus war
ein Jude und 600 Jahre später kam der Islam, alle haben ähnliche
Wurzeln, so der Vorsitzende. Mit dem Zitat eines jüdischen Gelehrten
zum Purimfest: "Man möge so viel trinken dass man die Bösen
nicht mehr von den Guten unterscheiden kann", gab er wohl die beste Anregung
zum Dialog.
"Die Wurzel, die uns trägt, kennen lernen"
Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 06. März 2004
Die katholische Marienschule in Offenbach zeigt eine Ausstellung zu den jüdischen
Feiertagen / Vorträge und Konzert
"Jüdischer
Glaube - Jüdisches Leben" lautet der Titel einer Ausstellung, mit
der die katholische Marienschule über die Feiertage der Juden informieren
will. Schirmherr ist Oberbürgermeister Gerhard Grandke (SPD), der die
Ausstellung morgen um 16 Uhr eröffnet.
Die Ausstellung, deren Konzept die Zustimmung von Landesrabbiner Henry Brandt
gefunden hat, bietet mit 50 Tafeln und vielen Exponaten Einblick in die jüdischen
Feiertage - angefangen vom Neujahrsfest "Rosch ha-Schana" bis zum
Trauertag "Tischa be-Aw".
Das Leben der jüdischen Familie wird ebenso dargestellt wie der Gottesdienst
in der Synagoge und die Geschichte der Juden in Deutschland. Ergänzt
wird die Ausstellung durch zwei Vitrinen, in denen Stadtarchivar Hans-Georg
Ruppel die Historie der Offenbacher Juden seit dem frühen 18. Jahrhundert
dokumentiert.
Schulleiterin Marie Luise Trocholepczy und Lydia Gesenhus, Leiterin des Kulturamts,
haben den Eröffnungstermin für die Ausstellung mit Bedacht gewählt,
feiern doch Juden in aller Welt morgen das Purimfest. Es erinnert an die Rettung
der Juden vor der Verfolgung durch den Minister Haman am Hofe des persischen
Königs Xerxes (Regierungszeit 485 bis 465 vor Christi Geburt) und gilt
als das fröhlichste jüdische Fest.
In der Ausstellung ist unter anderem ein Replikat der "Megillat Esther"
- der Schriftrolle "Esther" - zu sehen, die 1616 in Ferrara kunstvoll
gefertigt wurde. Aus einer solchen Schriftrolle lesen Juden im Gottesdienst
die Erzählung zum Purimfest. Bei der Nennung des Namens "Haman"
sollen die Kinder mit Ratschen Krach schlagen: Eine solche hölzerne Ratsche
liegt auch in der Vitrine. Mit dem Erlös aus dem Verkauf selbstgebackener
"Hamantaschen", ein süßes Teiggebäck, wollen die
Schülerinnen den jüdischen Kindergarten in Offenbach unterstützen.
Zusammengestellt wurde die Ausstellung von der Göttinger Germanistin
und Musikwissenschaftlerin Marianne Zingel. Sie will als Christin die Grundlagen
jüdischen Lebens Menschen anderen Glaubens nahe bringen. Mitte der neunziger
Jahre begann Zingel, Dokumente zu den jüdischen Feiertagen zu sammeln,
historische Zeichnungen, Fotografien und Texte. Hinzu kamen Kultgegenstände,
die sie als Leihgabe von Museen erhielt und später durch selbstgekaufte
ersetzte, etwa Gebetsschal oder Thorarolle.
Die Ausstellung war bereits an 20 Orten zu sehen, darunter Seligenstadt und
Mainz. Für Schulleiterin Trocholepczy und Alexander Nawar, der an der
Marienschule Deutsch und katholische Religion unterrichtet, ist die Ausstellung
Teil des "Dialogs der Religionen". Das Judentum sei "die Wurzel,
die uns trägt", daher müsse man es kennen lernen, sagt Nawar.
Die Marienschule ist eine Gesamtschule in der Verantwortung des Bistums Mainz
und wird von Mädchen besucht.
Begleitend zur Ausstellung, die bis zum 23. März gezeigt wird, bietet
die Marienschule an der Ahornstraße zwei Vorträge und ein Konzert
an. So spricht der emeritierte katholische Theologe Alexander Mertens am Mittwoch
zu dem Thema "Der Schabbat im Judentum" und am 18. März über
den "gegenwärtigen Stand des christlich-jüdischen Dialogs".
Die Vorträge beginnen jeweils um 19 Uhr. Zum Abschluss veranstaltet die
Schule am 23. März um 19.30 Uhr ein "Gesprächskonzert"
mit dem Komponisten Rolf Rudin, der Texte von Anne Frank vertont hat. Es singt
der Kammerchor der Marienschule unter Leitung von Brigitte Rudin.
ajw.
Plakat zur Ausstellung
